Ungefähr wo die Leine die Sieben Berge und den Külf mit Kurs auf Hannover verlässt wurde ich 1949 geboren. In Eime, einem kleinen Dorf an der Akebeeke, deutete zunächst nichts auf eine maritime Zukunft hin, bis ich mit vier Jahren meine Eltern vorsorglich informierte, "... wenn ich groß bin, werde ich Kapitän". Doch zunächst gab der kleine Bengel seine Visitenkarte als talentierter Schiffbauer in der Akebeeke ab und veredelte mit ein bisschen Wasserfarbe Holzreste zu Ozeanriesen. Leider löste sich die Farbe manchmal schon beim Stapellauf neben der alten Brücke an der Esbecker Straße, strömte an der Badeanstalt vorbei und vier Stunden später bekanntlich in die Elzer Saale. Danach tauchte meine Lieblingsfarbe blau in der Leine, spätestens jedoch in der Aller endgültig unter. Die Weser ließ sich von meinem Pelikan-Tuschkasten nicht mehr beeindrucken und verklappte mein Blau in der Nordsee. Von der Nordsee hatte ich gehört, dass es da Ozeanriesen geben soll, sooo große.

Kindergarten? Gab es nicht, ich war sowieso viel lieber draußen unterwegs und bin immer noch dafür dankbar, dass mich (beinahe) das ganze Dorf erzogen hat. Die haben mein sportliches Talent so richtig gefordert und als mir meine Eltern wegen miserabler Schulleistungen das Fußballspielen verboten, spielte ich klammheimlich. Mit dem Gesangbuch unterm Arm verließ der Konfirmand am Sonntagmorgen das Haus und genau so kam er wieder. Kein "Eimer" hat mich verpfiffen und schon gar nicht mein großer Bruder - der spielte damals in der 1. Herren! Da mir die soeben (1963) gegründete Bundesliga noch keine berufliche Perspektive versprach, blieb zum Entsetzen meiner Eltern, nur der Kindheitstraum von der großen weiten Welt. Besonders mein Vater war damals noch immer tief davon betroffen, dass seine erste Frau und alle drei Kinder auf der "Wilhelm Gustloff" umgekommen waren und er versuchte alles, mir diesen Traum auszureden. "Der Junge fährt mir nicht zur See", diesen Satz höre ich heute noch, aber der Junge wusste von der größten Katastrophe der Seeschifffahrt nichts, mein Vater hatte nie davon erzählt. Also setzte der 16jährige Mittelschüler seinen Kindheitstraum durch, kehrte Dorf und SV Eime den Rücken und ging 1966 auf Große Fahrt. Vier Jahre später kehrte der am Äquator auf den Namen "Schwertfisch" getaufte Matrose nach vielen Reisen zwischen Europa, Nordamerika, Afrika sowie dem nahen und mittleren Osten (vom Suez bis Indien, Burma, Sri Lanka) an Land zurück. Damals waren Segelyachten für mich pure "Lustkreuzer", so was konnten sich nur "Reiche" leisten. Reich waren in Eime vielleicht zwei Großbauern, der "Doktor", der Zahnarzt, ein Bauunternehmer und der Chef einer Schlosserei. Hier putzte meine Mutter.

So reich wollte ich auch gar nicht werden, bezog der junge Mann frühzeitig, inzwischen in Hannover verheiratet, Position und engagierte sich viele Jahre für amnesty international (ai). Ich verweigerte den Kriegsdienst, arbeitete als Zivi in der Kinderpsychiatrie und zog daraufhin die Sozialpädagogik dem bereits gebuchten Architekturstudium vor. Engagiert und auf der Seite der Habenichtse, legte der Berufsanfänger den Grundstein für Jugendzentren am Stadtrand von Hannover, gründete und tingelte sieben Jahre mit dem gemein & spritzigen Musikkabarett "Zum Kuckuck" zwischen Hamburg und Stuttgart sowie Helmstedt und Bonn. "Zum Kuckuck" war wirklich "Ein Vergnügen aus Hannover ... ", schrieb die Frankfurter Rundschau. Wir spielten überall wo man uns hören und besonders gern wo man uns nicht hören wollte. Einmal sollten wir z.B. für Gerd Schröder aufspielen, der damals Ministerpräsident von Niedersachsen werden sollte. Im Publikum handverlesene sozialdemokratische und journalistische Prominenz von Willy Brandt bis Hajo Friedrichs, Günther Grass, Heiner Bremer, Katja Ebstein und der geniale Maler Horst Janssen - leider wieder nicht mehr ganz nüchtern. Gleich nach der Rede von Willy Brandt sollte "Zum Kuckuck" spielen, doch plötzlich bekam das Wahlkampfmanagement Schiss und setzte uns mit der doppelten Gage vor die Tür - dabei hatten wir noch gar nichts gemacht. Also bekamen die Genossen vor derselben Tür reichlich Straßenmusik auf die Ohren, wie z. B. auch das Lied von der SPD = So'n Peinliches Durcheinander!

Viele Jahre betreute der Vater von zwei längst erwachsenen Kindern junge Menschen, die nicht das Glück hatten, von einem ganzen Dorf erzogen zu werden. Mit vielen dieser Jugendlichen gab es wunderbare Ferienfreizeiten in Kroatien, so oft auf Korsika, in den Alpen und mit einigen fuhr ich für eine oder zwei Wochen auf "Jugendseglern" oder wir lernten auf dem Dümmer See surfen. Anfangs hoch motiviert, haben die Jugendlichen Segeln oder Surfen nicht wirklich gelernt, aber sie haben sich an Herausforderungen gewagt, sind an Grenzen gekommen und erzählen noch heute gern davon. Dahin wollten wir mit den Jugendlichen - und vielleicht selbst wieder den Kontakt zum Wasser finden?

Später entwickele ich Fortbildungskonzepte, bringe Bewegung in die hannöversche Kitalandschaft, arbeite an einem Modellkonzept für eine Ganztagsschule, moderiere Konflikte, organisiere 2009 zwischendrin den 2. bundesweiten Fachtag für Männer in Kitas www.männerinkitas.de und beinahe am Ende meiner beruflichen Entwicklung, entdecke ich meine "alte Liebe" zur See wieder so intensiv, als wäre ich mal eben Zigaretten holen und nicht 35 Jahre weg gewesen. Gemeinsam, nun mit meiner Frau Sabine, lerne ich die andere Seite der "Großen Fahrt" kennen und begreife, dass Seemannschaft beinahe nur noch auf den früher so verschmähten "Lustkreuzern" gefordert ist. Mein Kindheitstraum, der mir in der seemännischen Ausbildung Ende der 60ziger Jahre beim Farbewaschen, Rostklopfen und Malen abhanden gekommen ist, den lebe ich, seitdem ich mich vor allen Dingen der Segelausbildung verschrieben habe, meer denn je.